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Interior Scholarship | Blog 02/2019 | Juliane Glaser

18.04.2019

Voyeur oder Fußgänger?


In „Kunst des Handelns“ stellt Michel Certeau die von einem Einzelnen oder einer Minderheit geplante Stadt als einen klaren, leicht lesbaren Text dar. Doch, von einem Architekten oder Stadtplaner entworfen, ist die geplante Stadt reine Fiktion. In sie dringt die bewohnte, wandelnde Stadt mit ihrer undurchschaubaren, blinden Beweglichkeit.


Ich beschäftigte mich sehr lange mit diesem Text, den ich gleich drei Mal lesen musste, um ihn auch nur annähernd verstehen zu können. Doch das Thema, über das ich zugegebenermaßen vorher nie wirklich nachgedacht hatte, lies mich nicht mehr los. Eine Frage nach der anderen stellte sich mir, Bilder von Aussichtstürmen, Gipfelkreuzen, verwirrten Menschen mit Stadtkarten in der Hand sowie von alten Gemälden aus der „Position Gottes“ entstanden in meinem Kopf. Eine solch intensive Auseinandersetzung mit einem Text, immer mit dem Gedanken an eine räumliche Interpretation, war für mich eine völlig neue Herausforderung. Jedoch eine super spannende Erfahrung! So ähnlich stelle ich mir den Großteil des Alltags eines Szenographen vor. Zwischendurch fragte ich mich jedoch, ob es wirklich solche abstrakten philosophischen Erläuterungen braucht, um unser doch recht simples menschliches Dasein und unsere Bestrebungen zu erklären. Und dann stellte ich mir weitere Fragen:


Nehmen wir in unserem Alltag bewusst die Rolle des Voyeurs ein? Was passiert mit dem Voyeur, der wieder zum Fußgänger wird? Ist ein planender Architekt Voyeur und Fußgänger zugleich? Wieso plant man, wenn man früher oder später die Kontrolle darüber verliert? Sollte man als Voyeur mehrere Perspektiven einnehmen, bzw. Höhen überwinden? Wenn ja, ist man dann mächtiger als jemand, der nur eine Perspektive kennt? Was ist man, wenn man eine Stadtkarte in der Hand hält?


Um Antworten auf die Fragen zu finden, versuchte ich, bestimmte Begriffe zu isolieren, um sie dann simpel in einer skizzenhaften Skulptur aus dem Text in den Raum zu holen. Denn es betrifft uns jeden Tag, ein Leben lang. Strukturen der Gesellschaft, Planung, Verwachsung, Umstrukturierungen, Strukturlosigkeit. Wissen und Nichtwissen.


Die Stadt

„Die gigantische Masse… verwandelt sich in ein Textgewebe… “

Die Stadt als Text. Während man an Rom die Kunst des Alterns ablesen kann, liest sich New York als ein Exzess aus Verschwendung und Produktion. Das Vorhandene wird verworfen, das Zukünftige einfach den existierenden Strukturen hinzugefügt.


Der Fußgänger

„ …deren Körper dem mehr oder weniger deutlichen Schriftbild eines „städtischen Textes“ folgen, den sie schreiben, ohne ihn lesen zu können. “

Die aus den Fußgängern der Stadt geballte Masse folgt dem mehr oder weniger lesbaren Schriftbild des städtischen Textes. Von Straßen und Gebäuden umgeben verschwimmen die Identitäten der Fußgänger, jeder ist Teil der Masse.


Der Voyeur

„ …emporgehoben zu sein bedeutet, dem mächtigen Zugriff der Stadt entrissen zu werden. “

Der Voyeur erlangt durch seine erhobene Position seine Identität zurück. Indem er sich aus den undurchschaubaren Strukturen des alltäglichen Lebens heraushält entsteht eine notwenige Distanz. Der Voyeur verlässt die Masse und der Text wird für ihn lesbar.


Die Erotik des Wissens

„…diesen maßlosesten aller Texte zu „überschauen“, zu überragen und in Gänze zu erfassen.“

Der Mensch hat den Drang, die Lust den Text, die Stadt zu begreifen, zu verstehen, Wissen zu erlangen. Fasziniert davon, die Rolle des „alles überschauenden Auges“ einzunehmen, überblickt man aus gottnaher Position die unterworfene Masse.


Die Fiktion des Wissens

„Ausschließlich dieser Blickpunkt zu sein, das ist die Fiktion des Wissens.“

Das durch das Lesen der Stadt erlangte Wissen ist lediglich Fiktion. Ein Trugbild, das durch die eingeschränkte Sicht eines Einzelnen und dessen subjektive Wahrnehmung entsteht. Nach dem Abstieg wird der Voyeur wieder Teil der Masse.


Da der Ausstellungsraum, der uns in der Hochschule zum Aufbau zur Verfügung stand, keine Stadt war und mir ein Abend für ein Leben wirklich zu kurz vorkam, unterteilte ich die Skulptur in drei Zonen. Der Begehende wird aus dem gesellschaftlichen Ereignis, der Zone 1, isoliert und dann auf die erhöhte Ebene eines Voyeurs erhoben. Als Fußgänger begibt er sich in die Skulptur, die in Zone 2 gleich eine Entscheidung fordert. Laufe ich nach rechts oder links? Wohin führt der Weg? Man verschwindet langsam aus dem Sichtfeld der anderen. Durch die transparenten, wackelnden Wände lassen sich nur Schemen der Umwelt erahnen. In Zone 3 ist ein Durchblicken nach außen nicht mehr möglich und man verspürt den Drang, über die Wände hinweg auf den überwundenen Weg zu blicken. Man steigt die Stufen empor und nimmt die Position des Voyeurs ein. Man erfährt zur selben Zeit den Genuss des Wissens und der Macht sowie die Erkenntnis, dass man bald wieder ein Teil des Lebens sein wird, das einem gerade zu Füßen liegt.


Während des Abends, an dem wir unsere Auseinandersetzungen mit den Texten den Besuchern näher bringen sollten, ergaben sich viele interessante Gespräche. Die Besucher trauten sich erst nach und nach in die Skulptur hinein. Während der Ausstellung stellte ich fest, dass ein paar zu Voyeuren gewordene Fußgänger die Aussicht auch ausnutzten, um die Masse der „Fußgänger“ zu beobachten. Diese fühlten die Blicke und schenkten dem Voyeur ihre Aufmerksamkeit. Dadurch wurde er unsicher und verlor an Macht. Steigt man auf einen Kirchturm, stellt dies keiner in Frage. Steigt man jedoch in mitten eines Raumes auf einen Stuhl, erntet man irritierte Blicke und fühlt sich nicht wohl. Ähnlich war es auch bei der Skulptur. Die Distanz war leider nicht groß genug um sich überlegen zu fühlen, doch sie hat gereicht, um einen Hauch davon zu erhaschen.

Über Juliane Glaser

Über Juliane Glaser

Juliane Glaser ist eine der vier Gewinnerinnen des Interior Scholarship-Stipendiums von AIT und Sto-Stiftung. Anderen Studierenden gibt sie den Tipp: „Stipendien geben die Möglichkeit, durch Freiräume dem starken Druck während des Studiums etwas zu verringern. Dadurch bleibt mehr Zeit für eigene Projekte, Engagement außerhalb der Hochschule, aber auch innerhalb der Hochschule.“

Nach einem Bachelor in Innenarchitektur studiert Juliane Glaser derzeit im Masterstudienfach „Kommunikation im Raum“ an der Hochschule Mainz. 2017 absolvierte sie 6-monatiges Praktikum bei einem Mannheimer Architekturbüro. Nach dem Studium ist es ihr Ziel, als freiberufliche Innenarchitektin zu arbeiten. Das Interior Scholarship-Stipendium ermöglicht ihr unter anderem ein Auslandspraktikum in der Schweiz und mehr Zeit für eigene Projekte.

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Bert Große
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