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Interior Scholarship | Blog 03/2018 | Juliane Glaser

22.11.2018

Dramaturgie im Raum


Durch den Entwurf einer dramaturgisch inszenierten Architektur, möchte ich den, der dafür bereit ist, aus dem Alltag ziehen. Inspiriert wurde ich unter anderem von der beeindruckenden Arbeit von Es Devlin. Die Szenographin erschafft mit ihrem Projekt „Mirror Maze“ für Chanel einen Raum, welcher solch eine dramatische Aufladung erhält, dass der Besucher für einen Moment das Gefühlt hat, durch die Zeit in die Vergangenheit zu fallen. Zudem ermöglichten mir meine Kommilitonen spannende Diskussionen über die Dramaturgie der Bibliothek von Exeter von Louis I. Kahn. Es ist faszinierend durch welche Mittel räumliche Spannungsbögen gestaltet werden können und wie unterschiedlich die entstehenden Atmosphären sind!


Besonders interessant wurde es, als wir auch das „Burning Man“ Festival in unsere Vergleiche mit aufnahmen. Es ist faszinierend, wie sehr allein das Bewerbungsverfahren für die Tickets und der Preis die Spannung erzeugen. Auch der lange, anstrengende Weg durch die Wüste dient als Steigerung. Für mich ist der Weg einer der wichtigsten dramaturgischen Mittel, wobei dieser keine stundenlange Fahrt durch die Wüste, wie beim „Burning Man“ oder bei James Turells „Himmel auf Erden“ sein muss, sondern eine einfache Rampe sein kann. Die Dramaturgie erschließt sich durch einen Spaziergang, man ist in Bewegung und kann verschiedene Perspektiven einnehmen. Darin liegt eine reizvolle, nicht fassbare Unendlichkeit.


Der Reiz des Entdeckens.

Neugierde. Die Intimität eines

Geheimnisses.


Für mein Projekt zum Thema „Dramaturgie im Raum“ nahm ich mir das dramaturgische Element „das Geheimnis“ vor. Jeder schafft Geheimnisse und möchte eingeweiht werden, obwohl sie oft auch schwer auf einem liegen können. Schon als Kind konnte keiner von uns dem Drang wiederstehen geheime Räume einzunehmen, diese zu besetzten, zu beschützen und mit Leib und Seele zu verteidigen. Ein Geheimnis ist etwas Absolutes, etwas Mächtiges. Wird man in ein Geheimnis eingeweiht, gehört man zu dem intimen, inneren Kreis, den Auserwählten, die mehr wissen als die anderen. Das „Geheimnisumwobene“ verleiht Räumen und Orten eine besondere, elektrisierende Atmosphäre. Ähnlich wie auch das „Verbotene“. Ein Einbruch in eine Baustelle bei Nacht, voll von verborgenen Räumen. Eine nicht beschilderte Lichtung abseits der Wege. Ein kleines, unbekanntes, reizendes Café, auf das man nur treffen kann, wenn man sich in der Stadt zum ersten Mal verläuft. Ein außergewöhnlich behagliches und sauberes Badezimmer in einem eher fragwürdigen Restaurant. Eine leere Bank in einem unauffälligen, ruhigen Hinterhof.


Ich liebe Geschichten. Egal, ob wahr oder frei erfunden haben sie die Macht, tief in uns verborgene Emotionen zu wecken, für einen Moment aufleben zu lassen und, wenn auch nur für eine gewisse Zeit, uns zu entführen. Was bleibt sind die Erinnerungen an die darin vorkommenden oder von uns frei erdachten Orte, Menschen und Momente. Kann man Architektur schaffen, indem man genau diese Elemente erfasst und sie in den Raum überträgt?


Gefesselt von dieser Frage setzte ich mich erneut an das Konzept meiner Antwort auf die Stehgreifaufgabe für das diesjährige AIT-Stipendium der STO-Stiftung zum Thema „Zwischenraum“ um es zu vertiefen: Du erfährst von einem Gerücht. Man munkelt, dass es in deiner Stadt einen geheimen Raum gibt. Einen versteckten Ort, der vorgibt eine Baustelle zu sein. Das Gerücht erweitert, bewusst oder unbewusst, deinen Tunnelblick. Daher fällt sie dir auch auf, die freischwebende Treppe, die unter einem etwas ungewöhnlich strukturierten Baugerüst hervorragt. Du konzentrierst dich auf die Irritation und änderst deinen Weg in Richtung Treppe. Je näher du kommst, desto brausender wird das Geräusch des Windes, gebündelt im Schacht. Du siehst keine Tür. Darum bückst du dich vorsichtig unter der Plane hindurch, verbeugst dich vor dem Unbekannten. Dann tauchst du auf.


Gespannt betrittst du die Treppe. Und mit dem Blick auf den dunklen Einschnitt in der Wand gerichtet, betrittst du auch den Weg aus dem Alltag. Nach dem Gerücht und dem Hinweis folgt der Weg. Ich nutze die Tiefe der Wandkonstruktion, sodass sich der Raum auf den dunkeln Einschnitt, das unbekannte Geheimnis oben in der Wand konzentriert. Auf dem Weg spürt man die Spannung, kurz bevor man von einem Geheimnis erfährt.


Der Raum der Schwelle wirkt wie ein Schacht, oder ein Kamin. Durch einen Blick nach oben oder unten kann man den Alltag in weiter Ferne betrachten. Außerdem spürt man in dem intensiven Raum die Macht eines Geheimnisses. Das Geheimnis, der geheime Raum, ist nicht auf den Menschen, der ihn betritt, ausgerichtet. Es ist ein sehr atmosphärischer Raum der Ruhe ausstrahlt.


Die Wände sind, wie die des Weges, kaum durchlässig, man ist also komplett vom Alltag abgekapselt. Der einzige Bezug ist der Blick in den Himmel und das Tageslicht. Man spürt in ihm die Intimität eines Geheimnisses. Von nun an läufst du immer noch genau mit den gleichen Augen durch den Alltag wie vorher, jedoch könnte jede noch so kleine Irritation deine Neugierde wecken und deine Gedanken zu einem Geheimnis schweifen lassen, das sich vielleicht dahinter verbirgt.


X Minuten, x Stunden, x Tage später würde ich das Konzept der Materialgebung sowie den Umgang mit den gigantischen, eindrucksvollen Planen am liebsten noch einmal erarbeiten. Wäre es nicht reizvoll die langen Planen im Wind kontrolliert zwischen der Gerüstkonstruktion schwingen zu lassen? Wäre das sogar ausreichend als Hinweis und ich könnte das Detail mit der Treppe getrost hinter mir lassen? Muss man den Rückweg anders erleben als den Hinweg? Ich frage mich, ob man sich den gleichen Herausforderungen mehrmals stellen, oder sich lieber in neue stürzen sollte. Vorerst werde ich es mit einer neuen versuchen.


Juliane Glaser

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Foto: Sto-Stiftung / AIT

Über Juliane Glaser

Juliane Glaser ist eine der vier Gewinnerinnen des Interior Scholarship-Stipendiums von AIT und Sto-Stiftung. Anderen Studierenden gibt sie den Tipp: „Stipendien geben die Möglichkeit, durch Freiräume dem starken Druck während des Studiums etwas zu verringern. Dadurch bleibt mehr Zeit für eigene Projekte, Engagement außerhalb der Hochschule, aber auch innerhalb der Hochschule.“

Nach einem Bachelor in Innenarchitektur studiert Juliane Glaser derzeit im Masterstudienfach „Kommunikation im Raum“ an der Hochschule Mainz. 2017 absolvierte sie 6-monatiges Praktikum bei einem Mannheimer Architekturbüro. Nach dem Studium ist es ihr Ziel, als freiberufliche Innenarchitektin zu arbeiten. Das Interior Scholarship-Stipendium ermöglicht ihr unter anderem ein Auslandspraktikum in der Schweiz und mehr Zeit für eigene Projekte.

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Bert Große
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