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Nachbericht | Jo Taillieu bei der November Reihe 2018 in Stuttgart

27.11.2018

Vorhandenes neu interpretieren


Zum dritten Vortrag in Stuttgart begrüßte die November Reihe den belgischen Architekten Jo Taillieu, der mit seiner 2010 gegründeten Architektengemeinschaft De Vylder Vinck Taillieu für einen anderen Zugang zur Architektur steht. Im Werk von Jan De Vylder, Inge Vinck und Jo Taillieu nimmt die Adaption bestehender Bauten und das Spiel mit Konventionen eine wichtige Rolle ein.


Zu Beginn seiner Ausführungen erklärt Jo Taillieu seinen Architektur-Grundsatz: „Es ist wichtig, sich mit dem Bestand auseinanderzusetzen, mit dem, was bereits vorhanden ist; Dinge zu entdecken, die schon da sind, die man nicht mehr finden muss.“ In seinem reich bebilderten Vortrag erläutert Taillieu unterschiedliche Ansätze, darunter auch Möbelstücke wie die Reinterpretation eines Eames Regals. Überhaupt dreht sich in der Arbeit von De Vylder Vinck Taillieu viel um Reinterpretationen. Dahinter steckt ein einfaches Prinzip: Sie fangen mit dem Vorhandenen an und interpretieren es neu. Unter den gezeigten Projekten sind vor allem Umbauprojekte – vom Haus im Haus bis zur Umwandlung eines ganzen Wohnblocks. Dabei unterstreicht Taillieu immer wieder, dass es wichtig ist, wie das bestehende mit neuen Konstruktionen zusammentrifft und ein Dialog entsteht.


Mit zwei Zeichnungen des berühmten Konzeptkünstlers Sol LeWitt veranschaulicht der Architekt die Philosophie seines Büros. Ende der 1980er Jahre nahm der Künstler Eingriffe an bewohnten Häusern vor, z.B. in der Einfahrt eines Genter Mehrfamilienhauses. Die Pointe der Geschichte ist, dass ein paar Jahre später ein Elektriker eine Klingelanlage mitten in der Wandmalerei von Sol LeWitt installierte. Wie Taillieu anhand einer Fotografie humorvoll erklärt, hatte der Handwerker aber offenbar ein Bewusstsein für das Kunstwerk und verlegte seine Kabel sehr akkurat.


Diese Anekdote dient Taillieu als Aufhänger für ein weiteres Projekt: Eine Bushaltestelle in Österreich – ein Thema, das die flämischen Architekten bis dahin noch nicht bearbeitet hatten. Anders als bei den meisten Projekten des Büros, gab es bei dieser Bauaufgabe nur den Ort, aber nichts, mit dem man einfach beginnen konnte; nichts, das sie sich aneignen oder überarbeiten konnten. In diesem Fall gestaltete sich der Prozess der Ideenfindung radikaler: Sie zerschnitten ihren eigenen Ausstellungskatalog mit schwarz-weiß Abbildungen von Sol LeWitts Pyramiden und fingen an, diese zu kleinen Modellen zu falten. Die Bushaltestelle wurde mit einer etwa 1 cm dicken Metallplatte realisiert, deren Seiten in verschiedenen Grautönen gestrichen wurden. Die Farbgebung entspricht der schwarz-weiß Reproduktion des ansonsten farbigen Sol LeWitt Gemäldes. Indem er die Sitzbank für die Wartenden in der Bushaltestelle mit den Türklingeln im ersten Beispiel vergleicht, schließt Taillieu die Parabel.


Der Architekt unterstreicht mit seinem Vortrag, dass man sich den Bestand vor Ort ansehen muss, bevor man ihn zerstört; dass man ihn wahrnehmen und die Dinge bewahren muss, die wirklich vorhanden sind. Manchmal spare man damit sogar Zeit und Geld. Bei den vorgestellten Projekten fällt auf, dass die Eingriffe stets auf sehr charmante und sensible Art umgesetzt sind. So auch in einem weiteren Beispiel, dem Umbau eines denkmalgeschützten Industriegebäudes zu Büroräumen für eine Werbeagentur. Ein langer Korridor wurde aufgelöst, indem die bestehende durch eine transluzente Wand ersetzt wurde. So ergaben sich neue Möglichkeiten und eine leichtere, kommunikative Atmosphäre. Auch in diesem Projekt kommt der besondere Umgang des Büros mit dem Bestand zum Ausdruck: Hinter Wandverkleidungen und Tapeten entdeckten die Architekten alte Wandgemälde. Die spezielle Farbigkeit, die sie in jedem der Räume offenlegten, verwendeten sie, um ihre baulichen Eingriffe zu kennzeichnen und schufen auf diese Weise eine ganz eigene Ästhetik und Balance zwischen neu und alt. Mit ihren Bauten demonstrieren De Vylder Vinck Taillieu, wie Architektur abseits von Normen und Konventionen aussehen kann.



Programm der November Reihe in Stuttgart

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Interview mit Jo Taillieu

Das Video-Interview finden Sie auf

dem YouTube-Kanal der Sto-Stiftung.

Rückfragen beantwortet gerne

Bert Große
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