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Nachbericht | Peter Cachola Schmal bei der November Reihe 2017 in Graz

10.11.2017

Gesucht: Helden des leistbaren Wohnens


„Baut, baut, baut! Aber baut leistbare Wohnungen!“ Mit diesem Aufruf startete – und endete – Peter Cachola Schmal seinen Vortrag am 6. November 2017 in der Aula der Alten Technik an der TU Graz. Ein eindringliches Statement, das in Zeiten von Wanderungsbewegungen, demografischen Veränderungen und sozialem Druck so brisant ist wie nie zuvor. Sein Plädoyer für leistbare Wohnungen war der zweite Teil der Grazer November Talks 2017 der Sto Stiftung.


Der September 2015 war in Österreich – und Deutschland – eine Zäsur in der Migrationspolitik. Auf den Autobahnen marschierten Menschen, überquerten Grenzen: Staatsgrenzen ebenso wie solche in den Köpfen. Peter Cachola Schmal, Architekt, Architekturkritiker, seit 2006 Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt am Main, lenkt in seinem Plädoyer für leistbares Wohnen die Aufmerksamkeit auf einen bestimmten Aspekt des Migrierens und Lebens: die Wohnungsfrage. „Wir haben keine Flüchtlingskrise“, bringt er seine Haltung auf den Punkt, „wir haben eine Wohnungskrise.“ Sein mit Zahlen und Fakten dick unterfütterter Vortrag nahm das Publikum zuerst mit auf einen Besuch auf die 15. Internationalen Architekturausstellung La Biennale di Venezia. Damals, 2016, war er Generalkommissar des deutschen Pavillons. „Making Heimat. Germany, Arrival Country“ nannte sich der deutsche Beitrag, der derzeit im Architekturmuseum zu sehen ist. Die Ausstellung muss mit Plakaten auskommen, denn der Pavillon hat keine Türen: eine Tatsache, die das prominenteste Exponat darstellt. Deutschland hatte 2016, als noch niemand die Dimensionen der Migration erahnte, keine Türen.


Angelehnt an Doug Saunders’ Buch „Arrival City: How the Largest Migration in History Is Reshaping Our World“ stellt die Ausstellung acht Thesen zu den „Ankunftsstädten“ auf, immer mit dem Fokus auf Architektur und Stadtplanung. Saunders selbst hatte Favelas und Slums im Blick – in Europa dagegen würden Einwandererviertel Chancen bieten, so Schmal. „Keine Angst vor ethnisch homogenen Vierteln“, laute einer seiner durchaus provokanten Thesen. In Frankfurt am Main stammen derzeit über 50 Prozent der Einwohner aus dem Ausland. „Das ermöglicht Netzwerke“, betont Schmal, „man braucht nur nach Chinatown zu blicken.“ Die städtische Dichte wirke attraktiv auf Neuzuwanderer, es gelten dieselben „Regeln“ wie bei der Landflucht. Die Folge: Wohnungsnot, verstärkt durch demografische Veränderungen, die oft sogar auf falschen Prognosen beruhen, sagt Schmal: Auch wenn die Bevölkerungszahl schrumpft, steigt die Wohndichte in beliebten Städten – in Deutschland etwa München, wo Miet- und Kaufpreise explodieren. Verstärkt wird die Wohnungsnot durch die immer beliebter werdenden Einpersonenhaushalte, wobei besonders Witwen auf relativ viel Wohnraum alleine leben. „In Frankfurt fehlen an die 50.000 Wohnungen“, betont Schmal. „es braucht Helden, die sich leistbare Wohnungen bauen trauen.“ Und das, was gebaut wird, sei oft nicht leistbar bzw. ohne Erbe niemals kaufbar. Eine „Ankunftsstadt“ muss günstige Mieten bieten. Und Arbeitsplätze in der Nähe. Das waren zwei weitere Thesen.


Mit einem Abstecher nach Amsterdam verschärft Peter Cachola Schmal seine Sicht auf Stadtplanung und Wohnungsbau. Das Viertel Bijlmermeer, südöstlich der bekannten Amsterdamer Altstadt, wurde in den Sechzigerjahren als Vorzeigeprojekt designt, inklusive separiertem Autoverkehr auf Brückenkonstruktionen. Nach der Unabhängigkeit von Surinam wanderten dort Menschen aus der ehemaligen Kolonie in großer Zahl zu, heute leben dort über 100.000 Menschen aus 150 Nationalitäten. Aus dem Vorzeigeprojekt für die Mittelschicht war ein klassisches Einwandererviertel geworden, sämtliche Probleme inklusive. Nachdem 1992 ein Boeing-747-Frachtflieger in der Wohngegend abstürzte, entschied man sich zu einem radikalen Umbau des gesamten Viertels. Mit dem Architekturprojekt „deFlat“ gelang es, zumindest eines der alten Gebäude vor der Abrissbirne zu bewahren. Der gebogene Bau mit seinen 500 Appartements stand – ausgeweidet – zum Verkauf. Interessierte erwarben billigst Wohnungen, jedoch ohne Einrichtung und ohne sanitäre Anlagen. „Klussen“ nannte man diesen Deal: Do it yourself! Bijlmermeer hat sich heute gewandelt: Vom Problemviertel zur gut durchmischten Wohngegend mit attraktiver Verkehrsabbindung und Zugang zum öffentlichen Verkehr – eine weitere These zur „Arrival City“: Arbeit entsteht, wo es schon Arbeit gibt. Und wo sie erreichbar ist.


Die Kleinteiligkeit und die Priorität des Erdgeschoßes stehen ebenso auf der Thesenliste der „Ankunftsstadt“. Sie ermöglichen Neuzugezogenen Austausch und direkten Kontakt – und damit Chancen auf den sozialen Aufstieg. All dies sei allerdings nur durch Nachverdichtung möglich, betont Peter Cachola Schmal. Der Platz in den Städten ist begrenzt und extrem teuer. Angrenzende Landschaftsschutzgebiete schränken die Möglichkeiten einer Ausdehnung weiter ein. Nachverdichtung heißt allerdings oft Ärger mit den Nachbarn. Die NIMBY-Haltung sei ein Problem: „Not in my backyard“, heißt es. „Bauen ja, aber bitte woanders!“ Schmal wies auf eine Gegenbewegung hin, die es verstanden hat, was die Zukunft der Stadtplanung bedeutet: „YIMBY, yes, baut in meiner Nachbarschaft! Wir brauchen leistbare Wohnungen!“


2018 lobt das Deutsche Architekturmuseum in Frankfurt gemeinsam mit dem Dezernat für Planen und Wohnung erstmals einen Preis für „bezahlbares und gutes Wohnen“ aus. „Wohnen für alle: Frankfurt 2018“ wird Projekte der letzten vier Jahre aus ganz Europa auszeichnen.

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Foto: Sto-Stiftung / Lisa Farkas

Peter Cachola Schmal, 1960 in Altötting geboren, ist seit April 2006 Direktor des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt am Main. Er wuchs in Multan, Pakistan, und Mülheim an der Ruhr auf und studierte Architektur an der TH Darmstadt. Nach dem Diplom arbeitete er bis 1993 als angestellter Architekt. Von 1992 bis 1997 war er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Fachgebiet Baugestaltung, Baukonstruktion an der TU Darmstadt. Seither arbeitete er als freier Architekturkritiker für Fachzeitschriften oder Feuilletons. Von 1997 bis 2000 lehrte er Entwerfen an der FH Frankfurt.

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November Reihe


Die November Reihe mit hochinteressanten Vertretern der zeitgenössischen Architektur gibt es mittlerweile an sechs europäischen Universitäten in Graz, London, Mailand, Paris, Prag und Stuttgart. Die Sto-Stiftung fördert die Veranstaltungen.

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